Unsere gemeinsame Reise
- alicegugel
- 18. Juni 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 20. Juni 2025
Aysa kam 2020 mit 3,5 Jahren aus der Türkei ins Tierheim Ludwigsburg. Dort lebte sie sechs Wochen, bevor wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Sie hatte große Angst – so groß, dass sie bei unserem Kennenlernen erstmal gekotet und gepinkelt und am ganzen Körper gezittert hat. Und trotzdem hatten wir bei unserem ersten Spaziergang direkt eine Verbindung. Da sie im Tierheim so gestresst durch die vielen fremden Menschen und Hunde war, hat sie auch schlecht gefressen. Deshalb haben das Tierheim und ich entschieden, dass ich sie direkt mit nach Hause nehme, wo sie zur Ruhe kommen kann.

Angst und Furcht in jeder Zelle
Die ersten Wochen waren schwer für sie. Sie hat sich nur einmal täglich gelöst, hat draußen nichts fressen können und hatte Angst vor allem und jedem: Menschen, Kindern, anderen Hunden, selbst vor Welpen wollte sie die Flucht ergreifen. Vor Straßenschildern, umgestürzten “komisch" aussehenden Bäumen, Autos, Fahrrädern, Joggern, Holzbänken. Alles war zu viel. Wir waren bei zwei Trainern – eine davon zusätzlich Verhaltensberaterin. Beide meinten, man kann nicht mit ihr arbeiten, sie ist zu ängstlich, zu unsicher. Aber für mich war klar: Das stimmt nicht, das kann doch so nicht bleiben, ich muss sie unterstützen damit sie sich entspannen kann.
Schritt für Schritt. Gemeinsam.
Wir sind den Weg allein gegangen – in unserem Tempo. Wir haben unterwegs viele Pausen gemacht. Haben uns Dinge, die sie gruselig fand, gemeinsam in Ruhe angeschaut.
Ich habe fremde Hunde und Menschen abgeblockt, auch wenn es deshalb ständig Diskussionen gegeben hat dass der Hund doch nur mal "hallo" sagen will, dass ich doch mit meinem Hund Zuhause bleiben soll wenn er so ängstlich ist - und das nur, weil man den eigenen Hund nicht davon abhalten konnte zu uns zu rennen.
Für Aysa war das wichtig: Zu wissen, dass sie bei mir an der Leine sicher ist, dass ich auf sie aufpasse und sie schütze. Das hat ganz viel Vertrauen geschaffen. Mit ausgewählten Mensch-Hund Teams auf unserer Heimrunde haben wir Kontakt aufgenommen und sind zusammen mit den Hunden an der Leine - zunächst ohne direkten Kontakt - gelaufen. Nach und nach haben sich so ganz entspannt Hundefreundschaften entwickelt.
Social Walks: Später kamen erste Social Walks dazu. Abstand, Struktur, Sicherheit. Sie hat gelernt: Die Nähe zu fremden Menschen und Hunden ist nicht gefährlich.
Nasenarbeit: Mit dem Pettrailing kam eine neue Form der Auslastung dazu – eine Aufgabe, die sie selbstständig lösen musste. Das hat ihr Selbstvertrauen enorm gestärkt. Während sie gearbeitet hat, hat sie "gefährliche" Dinge zwar nicht ausgeblendet aber ihre Arbeit wichtiger eingestuft und die Trails durchgezogen.
Pflegehunde: Nachdem sie etwa ein Jahr bei mir war, habe ich angefangen, Pflegehunde aus dem Auslandstierschutz aufzunehmen. Fast 20 Hunde haben bisher bei uns gelebt – gerade die ersten haben ihr sehr geholfen, noch sicherer im Umgang mit Hunden zu werden. Unter der Furcht hat sie eine große Sozialkompetenz gezeigt. Sie kommuniziert klar, souverän und fair. Sie hat Abstand eingefordert, aber auch Nähe zugelassen. Und auch ich habe von jedem dieser Hunde viel gelernt.
Mehr als Verhalten: Gesundheit & Vertrauen
Wir haben viel geschafft – nicht nur in Sachen Verhalten. Aysa hatte 2023 einen Kreuzbandriss und wurde 2024 an beiden Augen operiert. Sie hat alles tapfer mitgemacht. Ruhig, gelassen, ohne Drama. Beim Tierarzt ist sie einfach nur lieb. Sie vertraut mir, dass ich auf sie aufpasse und akzeptiert auch die nicht so schönen Dinge im Leben mit einer unglaublichen Ruhe und Gelassenheit.

Heute: Orientierung, Sicherheit, Alltag
Mittlerweile ist Aysa ein größtenteils entspannter, souveräner Hund. Sie läuft fast ausschließlich frei. Sie orientiert sich an mir, wartet, wenn sie unsicher ist und kommt - wenn sie es braucht - an meine Seite. Wir haben keine Baustellen im Alltag, sie ist mein absoluter Verlasshund im privaten und beruflichen Kontext. Selbst ihre Silvesterangst haben wir so gut in den Griff bekommen, dass sie mittlerweile beim Jahreswechsel entspannt auf der Seite liegt und schläft.
Mein Weg zur Hundetrainerin
Durch Aysa habe ich gelernt, was wirklich wichtig ist: Nicht Leckerlis. Nicht Technik. Sondern Beziehung, Struktur, Klarheit.
Ich habe angefangen, als Trainerin in einem Hundeverein mitzuarbeiten, hauptsächlich in den Junghundestunden. Parallel dazu hat meine Ausbildung zur Hundetrainerin begonnen.
Heute arbeite ich mit Menschen und ihren Hunden, die ähnliche oder auch völlig andere Herausforderungen erleben – und biete Unterstützung, die nicht auf „Funktionieren“ abzielt, sondern auf Zusammenarbeit und Vertrauen.
Aysa ist auch dabei: Im Verein begleitet sie mich beim Sozialkontakt, ist Ablenkung für die teilnehmenden Hunde oder entspannt im Schatten und beobachtet das Geschehen. Sie ist Teil meiner Arbeit und ich bin dankbar für ihre Unterstützung und Einschätzung der Kundenhunde. Sie erkennt sofort, ob ein Hund aus Unsicherheit an der Leine pöbelt oder “es ernst meint”. Die einen werden komplett ignoriert, die anderen behält sie im Auge. Dabei bleibt sie immer ruhig und gelassen.
Meine Prüfungen nach Paragraph 11 TierSchG beim Veterinäramt habe ich dank viel Praxis durch den Hundeverein, einer guten Ausbildung in Theorie und Praxis, sowie vielen Weiterbildungen ohne Probleme bestanden.
Worum es hier im Blog geht
Dieser Blog ist kein Ratgeber mit schnellen Tipps.
Sondern eine Einladung: Geschichten zu lesen, die Mut machen, hinter die Symptome zu schauen und Impulse mitzunehmen, die neugierig machen auf den eigenen Weg.
Ich werde hier regelmäßig über Themen wie Selbstregulation, Frustrationstoleranz, Struktur, Orientierung, Beziehungsarbeit, Alltagstauglichkeit und Resilienz schreiben. Wenn du das suchst, begleite uns gerne.
Aysas Entwicklung zeigt: Es geht nicht um perfekte Hunde. Sondern um echtes Vertrauen. Um Sicherheit. Um einen gemeinsamen Weg – auch wenn er nicht geradlinig ist. Wenn du dir das für dich und deinen Hund wünschst, bist du hier richtig. Ich begleite euch gerne ein Stück.



